Hitze bringt Fische an ihre Grenzen
Linth24: Herr Dietiker, die Hitze beschäftigt derzeit alle. Wie wirkt sie sich auf die Fische in Schweizer Gewässern aus?
Hansjörg Dietiker: Für die Fische ist die aktuelle Hitzewelle eine Katastrophe. Sie sind auf kühles, sauerstoffreiches Wasser angewiesen. Durch die anhaltend hohen Temperaturen erwärmen sich Flüsse und Bäche immer stärker, gleichzeitig sinkt der Sauerstoffgehalt. Viele Bäche führen zudem deutlich weniger Wasser und schrumpfen zu kleinen Rinnsalen.
Linth24: Was bedeutet das konkret für die Fische?
Hansjörg Dietiker: Die Fische versuchen, sich in tiefere und kühlere Bereiche zurückzuziehen. Doch irgendwann erreichen sie den letzten Tümpel. Dort wird das Wasser immer wärmer und sauerstoffärmer. Die Tiere geraten massiv unter Stress und haben oft keine Ausweichmöglichkeiten mehr.
Linth24: Kann das Fischsterben zu einer Redimensionierung des Fischbestandes in der Schweiz.
Hansjörg Dietiker: Wenn es so weiter geht mit der Hitze und den sinkenden Wasserständen ist ein Fischsterben in der ganzen Schweiz möglich
Linth24: Ab wann wird es kritisch?
Hansjörg Dietiker: Das hängt von der Fischart ab. Kaltwasserfische wie Forellen oder Äschen reagieren bereits auf vergleichsweise geringe Temperaturanstiege. Bleibt das Wasser längere Zeit zu warm, steigt die Sterblichkeit deutlich.
Linth24: Sind nur einzelne Fische betroffen?
Hansjörg Dietiker: Nein. Ganze Bestände können stark dezimiert werden, teilweise sterben in einem Gewässerabschnitt fast alle Fische. Bis sich solche Bestände erholen, vergehen oft viele Jahre.
Linth24: Welche Folgen hat das für die Gewässer?
Hansjörg Dietiker: Die Fische vermehren sich schlechter und werden anfälliger für Krankheiten. Wenn mehrere Hitzesommer aufeinander folgen, verschärfen sich diese Probleme zusätzlich.
Linth24: Der Kanton St. Gallen hat für verschiedene Fliessgewässer ein Betretungsverbot erlassen. Ist eine solche Massnahme sinnvoll?
Hansjörg Dietiker: Ja, absolut. Viele Fische ziehen sich bei dieser Hitze in die wenigen verbliebenen kühlen und tiefen Stellen zurück. Wenn Menschen durch die Bäche waten oder sich dort aufhalten, werden die Tiere zusätzlich aufgescheucht und verbrauchen noch mehr Energie. Das Betretungsverbot soll genau diesen zusätzlichen Stress verhindern und den Fischen in dieser kritischen Phase möglichst viel Ruhe verschaffen. Es ist eine einfache, aber wirksame Schutzmassnahme.
Linth24: Was können Fischerinnen und Fischer jetzt tun?
Hansjörg Dietiker: Vor allem Rücksicht nehmen. Viele verzichten in solchen Situationen freiwillig aufs Fischen oder setzen gefangene Fische besonders schonend und möglichst rasch wieder zurück. Jeder zusätzliche Stress verschlechtert ihre Überlebenschancen.
Linth24: Erleben Sie eine solche Situation zum ersten Mal?
Hansjörg Dietiker: Nein. Hitzesommer gab es schon früher. Sie treten jedoch häufiger auf und dauern länger. Der Klimawandel macht sich in unseren Gewässern deutlich bemerkbar.
Linth24: Was braucht es jetzt?
Hansjörg Dietiker: Wir müssen unsere Gewässer besser schützen – mit genügend Restwasser, naturnahen Bächen, beschatteten Ufern und mehr geeigneten Lebensräumen. Hitzeperioden werden künftig häufiger auftreten. Deshalb müssen wir jetzt die richtigen Massnahmen ergreifen.